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die Idee & das Konzept

Soziales Lernen und Gewaltprävention an der Gesamtschule Fischbek, Hamburg

Soziale Kompetenzen und Gewaltprävention
 Konzept und Erfahrungen
 Konfliktlösung für Jungen
 Selbstbehauptung für Mädchen

 
Fit und stark fürs Leben
 
Streitschlichter
 
Paten

Montag 4.Stunde. Die Jungen der Klasse 5c stehen klönend und schubsend vor dem Beratungsdienst und warten darauf eingelassen zu werden zu ihrem Kurs:“ Konfliktlösung und Selbstverteidigung für Jungen“. Die Familientherapeutin und Diplom-Sozialpädagogin des Beratungsdienstes der Gesamtschule Fischbek Dörte Schnell-Abis und ihr Mann Antonio Abis, Ausbilder für Selbstverteidigung, nehmen die quirlige Bande in Empfang und öffnen den für diesen Kurs mit speziellen Matten ausgestatteten Raum. Dies ist der Beginn einer etwas anderen Unterrichtsstunde, die wiederum nur ein Baustein des vernetzten und fast alle Jahrgänge umfassenden Konzepts zur Gewaltprävention an der GSF ist.

 
Soziale Kompetenzen und Gewaltprävention
Diesem von Mitarbeitern des Beratungsdienstes erarbeiteten Konzept ging eine Vision voraus:  die Vision einer Schule, an der die Schüler ein anderes  Lernen erfahren. Ein Lernen, das nicht nur auf den Kopf, den Geist, das akademische Wissen und kognitive Fähigkeiten beschränkt bleibt, sondern zusätzlich den Körper und die Seele mit einbezieht.. Auch wenn körperliche Ertüchtigung und soziales Lernen zum schulischen Alltag gehören, so wird diesen Bereichen doch oft nur am Rande Beachtung geschenkt.

 

Die Forschung hat in den letzten Jahren aufgezeigt, dass neben den kognitiven Fähigkeiten auch die emotionalen und sozialen Kompetenzen für Erfolg im beruflichen wie auch im persönlichen Leben ausschlaggebend sind. Emotionale Fähigkeiten – wie Gefühle erkennen, benennen und ausdrücken zu können, Impulse zügeln und Stress verringern sowie zwischen Gefühlen und Taten unterscheiden können – und soziale Kompetenz ermöglichen es uns soziale Verantwortung zu übernehmen und unsere kognitiven Fähigkeiten verantwortlich anzuwenden.  Probleme können nur dann befriedigend gelöst werden , wenn viele Menschen aus unterschiedlichen Denk- und Erfahrungsrichtungen zusammen arbeiten. Die Wirtschaft hat dies inzwischen erkannt und achtet bei der Einstellung neuer Mitarbeiter auf diese sogenannten „soft skills“. Sicher spielen bei den Auswahlverfahren die kognitiven Fähigkeiten weiterhin eine große Rolle, sie sind aber nicht mehr die alleinigen Kriterien, an denen eine möglichst erfolgreiche Berufskarriere festgemacht wird.

 

Das hat Konsequenzen für die Schule. Während der Schüler sich das Faktenwissen mit Hilfe von Medien aneignen kann, langt eine Demonstration oder das Wissen über die soziale Kompetenz noch nicht, um sich diese zu eigen zu machen.  Unser Konzept zur Gewaltprävention bietet mit seinen verschiedenen Bausteinen den Schülern Möglichkeiten sich in emotionalen und sozialen Kompetenzen zu üben.

 

Konflikte und Streitereien gehören zum Leben und zum Schulalltag; es wäre falsch diese verhindern oder gar unterdrücken zu wollen .Ziel einer jeden Gewaltprävention kann nur das Erlernen eines positiven Umgangs mit Konflikten sein. Die Schüler müssen die oben beschriebenen emotionalen und sozialen Kompetenzen einüben und so befähigt werden, sich in Konfliktsituationen souverän zu verhalten. Das bedeutet aber auch, dass alle Schüler, sowohl die potentiellen Täter und Opfer als auch die Zuschauer Zielgruppe der Gewaltprävention sind. Gerade die nicht direkt Beteiligten müssen ihre Rolle als gleichgültige  Zusachauer oder ängstliche „Wegschauer“ erfahren können, damit sie lernen, wie sie in einer kritischen Situation verantwortungsvoll handeln und möglicherweise Zivilcourage beweisen können. Daraus folgt, dass eine Gewaltprävention nur dann Erfolg haben kann, wenn alle Bausteine des Programms daraufhin ausgerichtet sind, alle Schüler in ihren emotionalen und sozialen Fähigkeiten zu stärken.

 

Konzept und Erfahrungen
Unser Konzept  versucht diesen Erkenntnissen Rechnung zu tragen, indem es Angebote für fast alle Schüler macht. Für die einzelnen Jahrgänge heißt das:
Jahrgang 5
Konfliktlösung und Selbstverteidigung für Jungen
Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Mädchen
Arbeit mit Eltern und Jugendschutzbeauftragten der Polizei
Jahrgang 6:    Fit und stark fürs Leben – ein Programm der WHO
Jahrgang 8/9: Streitschlichterprogramm
Jahrgang 10: Paten
 

Konfliktlösung für Jungen / Selbstbehauptung für Mädchen
Drei Jahre lang wurden diese Kurse im Neigungsbereich am Nachmittag angeboten. Aufgrund der positiven Erfahrungen beschlossen wir, sie verpflichtend für alle Schüler des Jahrganges 5 in die Stundentafel aufzunehmen. Dem Motto folgend: „Nur starke Menschen mischen sich ein“ erhalten seit dem Sommer 2000 die Jungen einmal wöchentlich ein einstündiges Training  in Konfliktlösung und Selbstverteidigung. Konfliktlösung und Selbstverteidigung für Jungen - ist das nicht ein Widerspruch? Sind denn die Jungen nicht die Aggressoren, die Täter? Das ist richtig, doch sind sie auch viel häufiger als Mädchen die Opfer von Gewalttaten. Daher ist es unser Anliegen weniger mit den Tätern als mit den Opfern und den eher Unbeteiligten, die die große Mehrheit bilden, zu arbeiten und sie zu stärken. Wir wollen sie motivieren sich bei Übergriffen in angemessener Weise, der eigenen Persönlichkeit entsprechend, zu wehren. Thematisiert und diskutiert werden Strategien und Verhaltensweisen: Was mache ich, wenn einer bedroht oder verprügelt wird? Wie kann ich helfen? Wichtig ist , dass den jüngeren Schülern der Unterschied zwischen „Petzen“ und „Hilfe holen“ deutlich wird. Und nicht immer ist es möglich, Konflikte verbal zu lösen. Gerade für Jungen, die fürchten ihr Gesicht zu verlieren, ist es schwierig ihre

Impulse zu zügeln und die körperliche Auseinandersetzung zu vermeiden. An dieser Stelle setzen wir die für die Jungen besonders wichtige Körperarbeit ein, die Selbstwahrnehmung und Achtung des Partners erfordern. Da es den Schülern leichter fällt Übungen zur Selbstverteidigung konzentriert und diszipliniert auszuführen als eine Mathe oder Englischaufgabe, bietet sich die Körperarbeit zum Einüben von Konzentration und Disziplin an. Körperliche Stärke spielt bei der Selbstverteidigung keine Rolle. Die Grundlage ist Jiu Jitsu, eine alte japanische Kampfkunst, bei der Köpfchen und Geschicklichkeit, nicht Kraft gefragt sind. Siegen durch Nachgeben ist hier das Leitprinzip. Diese Körperarbeit  spricht die Jungen in ihrer Abenteuerlust an und fördert ihr männliches Selbstbewusstsein. Im zweiten Schulhalbjahr erhalten die Mädchen ein ähnlich aufgebautes Training in Selbstbehauptung und Selbstverteidigung. Der Schwerpunkt liegt hier im Bereich der Selbstbehauptung: den Mädchen werden Möglichkeiten zur Erweiterung ihrer Kompetenzen zur Konfliktlösung aufgezeigt. Interessierte Schüler und Schülerinnen können zudem einen im Neigungsbereich angebotenen Jiu Jitsu Kurs belegen.

 

Fester Bestandteil dieses Programms ist die Zusammenarbeit mit den Eltern. Sie sind  verantwortlich für die Erziehung ihrer Kinder und somit Fachleute , die in die Diskussion einbezogen werden müssen. So werden sie zu Beginn über das Projekt informiert und zum Abschluss des Kurses eingeladen, um gemeinsam mit uns, den Tutoren und dem Jugendschutzbeauftragten der Polizei über die Aufgaben der Eltern in Bezug auf Gewaltprävention zu diskutieren. Die Polizei kann hier ihre Sicht der Gewaltprävention darstellen und ihre Erfahrungen aus dem Stadtteil mitteilen. Wir sind überzeugt, dass wir nur in enger Zusammenarbeit mit Eltern, Schule, Polizei und Stadtteileinrichtungen, also mit einer möglichst großen Vernetzung erfolgreich sein können.

 

 

Fit und stark fürs Leben
Das ist der Titel eines  europäischen Gemeinschaftsprojekts der WHO mit dem Ziel die Persönlichkeit und allgemeinen Lebenskompetenzen der Schüler zu fördern. Langfristig soll diese  Persönlichkeitsförderung auch der Prävention des Rauchens dienen. Das Programm wird während der Tutorenstunden und des FAZ Unterrichts mit je einer Halbgruppe durchgeführt. Aufbauend auf den
Themen und Erfahrungen des vorangegangenen Jahrgangs  wird mit Hilfevon Rollenspielen, Arbeitsblättern, Befragungen der Eltern, Vorträge, Diskussionen, Videoaufnahmen und Phantasiereisen gearbeitet.
Das Programm findet bei den Eltern eine positive Resonanz, denn die Anforderungen an die sozialen Kompetenzen im Arbeitsleben können sie aus eigener Erfahrungen nur bestätigen.

 

Streitschlichter
Die Konfliktvermittlung durch Schüler (peer mediation) ist ein amerikanisches Modell, das in den letzten Jahren vermehrt Eingang in die hiesigen Schulen gefunden hat. Die Ziele dieser Art von Konfliktlösung sind vielfältig, wobei die Beilegung eines Streits zwischen Schülern eher vordergründig ist. Durch die Ausbildung und die Arbeit vor Ort werden nach Lienert mit dem Streitschlichterprogramm folgende Ziele verbunden:
-        Befähigung der Schüler Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen;

-        Vermittlung konstruktiver Einstellungen zu Konflikten;

-        Vermittlung von Kommunikationstechniken, problemlösendem Handeln sowie aggressionsfreier Strategien in der Konfliktverarbeitung;

-        Anbahnung von Gemeinschaftssinn und Kooperation zwischen den Schülern;

-        Stärkung des Selbstwertgefühls;

-        Positive Auswirkung auf das soziale Verhalten selbsternannter Anführer unter Schülern, indem diese als neutrale Vermittler geschult und eingesetzt werden können;

-        Verbesserung des allgemeinen Schulklimas durch eine Verringerung von aggressiven Konflikten. Lienert  (1997)

 

Seit 3 Jahren erproben wir die Arbeit mit Streitschlichtern. Im 2. Halbjahr des 8. Schuljahres finden die Auswahl und die Ausbildung statt, so dass die Schüler zu Beginn des 9. Schuljahres ihre Arbeit als Vermittler aufnehmen können.

Wer kann an unserer Schule Streitschlichter werden? Wir bitten die Tutoren uns Schülerinnen und Schüler zu nennen, die ihrer Meinung nach den Anforderungen einer Schlichtung gewachsen sind. Auch soll bei der Auswahl darauf geachtet werden, dass ein repräsentativer Schülerquerschnitt gesichert ist. Besonders die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Schülerschaft sollte in der Gruppe der ca. 14 – 16 Streitschlichtern wiederzufinden sein. Die Erfahrung hat gezeigt, dass  bei Konflikten mit Schülern, die wenig Deutschkenntnisse besitzen, Schlichtungsgespräche nur in ihrer Muttersprache möglich sind. Hier sind die Schlichter, die einem anderen Kulturkreis entstammen und über zusätzliche Sprachkompetenzen verfügen, den Lehrern gegenüber im Vorteil. Schüler erwarten in der Regel, dass nur leistungsstarke und eher angepasste Schüler zur Teilnahme eingeladen werden und reagieren erstaunt, wenn auch ein „cooler“ und als Problemschüler bekannter Kandidat ausgewählt wird. Durch dieses Auswahlverfahren signalisieren wir den Schülern: Das Streitschlichterprogramm ist uns sehr wichtig und es bedeutet eine Auszeichnung daran teilnehmen zu dürfen. Und: Wir sehen deine Stärken, die nicht im akademischen Bereich liegen müssen und wir schätzen dich in deiner ganzen Person.

 

Die Ausbildung umfasst ca. 35 Stunden und erfolgt in zwei  2tägigen Kompaktseminaren außerhalb der Schule und zwei zusätzlichen Veranstaltungen am Nachmittag. Sie wird von den Mitarbeitern des Beratungsdienstes geleitet und stützt sich im Wesentlichen auf das „Schüler- Streit-Schlichter-Programm“ von Karin Jefferys und Ute Noack. In unserem Training liegt der Schwerpunkt auf Wahrnehmungsübungen, Techniken der Gesprächsführung und Vorgehensweisen bei einer Schlichtung. Da es heute hinreichend Literatur und Konfliktlösungsprogramme auf dem Markt gibt, verzichten wir auf eine detaillierte Beschreibung unserer Schulung.

 

Im 9. Schuljahr kommen die Vermittler während der beiden großen Pausen in Teams von je zwei Schülern zum Einsatz. In ihren roten Sweatshirts mit der Aufschrift „Streitschlichter“ können die jüngeren Schüler (Zielgruppe Jg 5-7) sie bei Bedarf schnell finden. Sind beide Konfliktparteien einverstanden, wird ein Termin vereinbart,  an dem im Streitschlichterraum die Vermittlung stattfinden soll – in der Regel in der darauffolgenden Pause. Auch Lehrer sollen Schüler auffordern, sich bei kleineren Konflikten an die Streitschlichter zu wenden. Damit wird an die Eigenverantwortung  appelliert und die Akzeptanz des Schlichterprogramms gefördert. Denn während die Ausbildung bei den Vermittlern großen Anklang fand, ist die tägliche Arbeit mitunter frustrierend, wenn etwa gleichaltrige Mitschüler den Schlichtern mit provozierenden Sprüchen begegnen oder die Jüngeren Streitereien simulieren. Einmal in der Woche treffen sich die Schlichter und die koordinierenden Betreuer zu einem Pausengespräch: Hier werden Vorfälle besprochen und  weitere, die Akzeptanz verstärkende Maßnahmen diskutiert. So haben wir den Fünftklässlern eine Schlichtung in Form eines Sketches während der Tutorenstunde vorgeführt. Oder die Schlichter stellen sich auf Elternabenden vor und bitten die Eltern ihren Einfluss geltend zu machen und ihre Kinder bei Konflikten auf das Angebot der Schlichter hinzuweisen. Da wir nach der Schulung der ersten Streitschlichtergruppe die Umsetzung des Programms als mühselig, schleppend und nicht unseren Erwartungen entsprechend fanden, haben wir in diesem Schuljahr unser Augenmerk ganz besonders auf die Implementierung gerichtet. Dabei werden wir seit dem Sommer 2000 von einer Studentin begleitet, die im Rahmen einer Forschungswerkstatt am Fachbereich Erziehungswissenschaft (Leitung Prof. Bastian) gelernt hat, Entwicklungsprozesse zu beobachten, auszuwerten und in Rückmeldungen gezielt auf Stärken und Schwächen hinzuweisen. Es lässt sich inzwischen eine größere Akzeptanz feststellen; die Zahl der Vermittlungen hat sich deutlich erhöht. Detaillierte Ergebnisse liegen zur Zeit jedoch noch nicht vor.

 

Paten
Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs 10 übernehmen die Verantwortung für jüngere Mitschüler, indem sie zu Beginn des Schuljahres den Neuankömmlingen in Klasse 5 als Paten zur Seite stehen. An einem Nachmittag kurz vor den Sommerferien werden sie von der für den 10.Jahrgang zuständige Kollegin des Beratungsdienstes auf ihre Aufgaben vorbereitet. Etwa drei bis vier Paten sind für eine Klasse zuständig und ihr erster Einsatz erfolgt schon am Kennnenlernnachmittag, wenn sie gemeinsam mit den Tutoren die zukünftigen Fünftklässler betreuen. Ziel ist es den Kleinen die Angst vor der neuen Schule zu nehmen und sie mit dem Schulgelände, den Gegebenheiten und den Regeln vertraut zu machen. Bis Weihnachten begleiten die Paten ihre Schützlinge in Absprache mit den Tutoren auf Ausflügen, unterstützen sie während der Projektwoche und sind ihre Ansprechpartner auf dem Schulhof.

 
Abschließend lässt sich sagen, dass das Konzept zur Gewaltprävention mit seinen verschiedenen Bausteinen eine unter vielen Möglichkeiten zur Realisierung eines produktiven und für alle Beteiligten sinnvollen Schullebens darstellt. Den Schülern wird damit auf mannigfaltige Weise Gelegenheit geboten, ihre sozialen Kompetenzen zu stärken und aktiv ihre Schule aktiv mitzugestalten.

 

 

 Hamburg Mai 01
Dörte Schnell-Abis, Dorothea Antoni-Mensch
Beratungsdienst Gesamtschule Fischbek


 
Literatur:

Coleman, D.l; Der Erfolgsquotient, München, Wien 1999

Coleman, D.; Emotionale Intelligenz, München 1995

Faller, K., Kerntke,W., Wackmann, M.; Konflikte selber lösen, Mühlheim an der Ruhr 1996

Held, Peter; Die Kummerlöser; in Pädagogik 10/97

Jefferys, K., Noack, U.; Das Schüler-Streit-Schlichter-Programm; Lichtenau 1999

Lienert, Ch.; Schüler lösen Konflikte ohne Lehrer – ein Modell aus den USA, in: Pädagogik 10/97